Prosa

Unter dem Arbeitstitel “Von Monstern und windigen Stürmen” arbeitet Pascal Polosek aktuell an seinem ersten Roman über Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist und die im Dickicht von Vertreibung und Heimat, Freundschaft, Depression und Verrat nach der eigenen Identität suchen.

Leseprobe

Sie haben den Boden mit ihren Klamotten bedeckt. Eine Landkarte fremder und vielfältig bunter Kontinente mit vielen kleinen Inseln. Nachdem die Tür des Zimmers zugefallen war, hatten sie sich ausgezogen. Ihr Körper schien wie eine Seenlandschaft, in die er hinein schwimmen wollte. Der Drang war groß, alles hinter sich zu lassen, Vergangenheit Vergangenheit werden zu lassen und sich auf einen einzelnen Zeitstrang zu konzentrieren. Sie taten sich nicht weh, aber die eigene Begierde wollten sie dem anderen doch zeigen. Sie deckten sich zu, doch bedurften sie nicht die Gemeinsamkeit einer Decke und ließen sie kurzerhand wieder auf den Boden fallen. Gesunde Geister stinken vielleicht nach Dummheit; Getriebene jedenfalls, stinken nach Sex. Wie grauenvoll schön die ewige Wiederkehr des eigenen Seins. Nietzsche hätte seine Freude gehabt.

Vom Fenster aus beobachten sie danach schweigend die Nachbarn, die nichts wissen von ihrem Glück – sitzen schweigend hintereinander; behutsam gehalten vom Fensterrahmen. Frau Fensterpflanze gießt die erstgenannte täglich und hat eine rege Freude am glänzenden Schein der Pflanze, die Steve an die Detailversessenheit von León der Profi erinnert. Noch so ein Film, der seine Kindheit mit Tom geprägt hat. Und eine weitere ausgeleierte Video-Kassette seines Opas.
Die Fenster haben keine Vorhangsfreunde erhalten, nachdem die Dame der Pflanze jegliches Vorzugsrecht einräumt hat und möglichen Neid oder Ungerechtigkeiten direkt im Keim ersticken will. Herr Glatzkopf wiederum steht gerne mitten in der Nacht in seiner Wohnung, ohne erkennbares Ziel oder erkennbare Regung, bisweilen auf den Fernseher starrend und die Farben des Bildschirms auf seinem Gesicht spiegelnd. Der Mann wohnt allein und widmet sich rege seiner Wohnung, wobei er sehr viele Dinge besitzt und offenbar Probleme hat, finale Entscheidungen zu Fortbestand und Zerstörung von Elementen zu treffen.

Bisweilen besucht er seine Nachbarin im dritten Stock, die vermutlich etwas älter ist als er und deren Wohnung ein kontrastiertes Spiegelbild zu seiner bildet; eine Art Wohnungs-Ying-und-Yang, wobei die schwarze Farbe auf der einen Seite kaum zu sehen ist, bei seinen ganzen wichtigen Unterlagen und Gegenständen und man auf der anderen Seite beim Blick auf den Boden zusammenschrickt und nach oben springt, vor lauter weißer Sauberkeit.
Am besten jedoch das ältere Ehepaar auf gleicher Höhe, in der Eckwohnung wohnend, wobei sich das Paar nur dadurch zusammen bildet, dass sie eine Wohnung teilen. Dass sich die beiden wirklich einmal zur gleichen Zeit in einem gemeinsamen Raum aufgehalten haben, liegt nur gerüchteweise vor; aus dem ersten Stock von Frau Ich-bringe-jeden-Tag-den-Müll-raus-auch-wenn-dieser-gar-nicht-voll-ist-aber-auf-den-Fluren-der-Welt-sieht-man-doch-am-meisten. Ein Schelm wer da Böses denkt.

Das ständige Beobachten der Nachbarn, das Warten auf die nächste Handlung, als beobachte man von weitem einen auf eine große Wand projizierten Film – ein gemeinsames Laster von Sarah und Steve. Und wie sie gemeinsam im Bett liegen, stellt die Zeit keine Konstante mehr dar, sondern ist ein Barde, den man wegen seines schlechten Gesanges gar nicht erst ins Haus lässt. Und ohne Barde, geballte Stille im Raum, die beiden guttut und sie zart über ihre nackten Körper streichelt.
Es wogt erneut und erhebt sich in nie dagewesene Höhen. So weit oben, hüllt sie der Nebel bisweilen ein. Doch es ist kein kalter Nebel, sondern ein warmer Alpaka-Pullover, der sie jede Wollfaser bewusst fühlen und genießen lässt.

Am Morgen scheinen nicht nur die Batterien des Weckers leer zu sein. Steve ist ausgehöhlt und sicher: Das ist das Ende. Er blickt auf die schlafende Sarah neben sich, fällt und fällt. Und wartet, um auf den Boden aufzuschlagen.

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